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Rethik: Der Mensch - Opfer oder Gestalter der Veränderung

Arbeitswelt 4.0, Menschen | 6 Minute(n) zum Lesen

Ja, der Blog «Ist die Zukunft der Arbeit – Projektarbeit?» von Ferdinando de Maria hat mich nachdenklich gemacht. Meine spontanen Gedanken habe ich in diesem Beitrag skizziert.

Seit Jahren, konkret seit 1979, verfolge ich die Entwicklung unserer Arbeitswelt aus verschiedenen Perspektiven, als Mitarbeiter, als Führungskraft, als Geschäftsleitungsmitglied eines Handels-unternehmens mit Milliardenumsätzen, als Unternehmer und Begleiter von Menschen (Dozent, Coach), aber auch als Vater, Grossvater und als Bürger in einem Land mit grundsätzlich enormem Potenzial oder einfach als Christoph Kalt.

Stehen wir nach COVID-19 wirklich am Scheideweg in eine «neue Welt» oder ist es nur ein Hype, herbeigeredet von Visionären mit trüben Kristallkugeln oder von Querdenkern, schnell und unreflektiert in der digitalen Welt verbreitet von Medien, die alles publizieren was man ihnen diktiert? Zum Thema «Strukturen und Arbeitsgestaltung» wurde schon viel geschrieben. 1940 forderte die Managementvordenkerin Mary Parker Follett das Ende der Hierarchie. 1966 prognostizierte Warren Bennis das Ende der Hierarchie. 1992, Tom Peters veröffentlicht den Bestseller „Jenseits der Hierarchien“ und viele Autoren folgen ihm und verkünden immer wieder den baldigen Todesstoss für die Hierarchie. Und was ist in der realen Welt wirklich geschehen?

Ich habe in meinem Weihnachtsbrief 2017, meine «Lessons learned 2017» dargelegt und aufgezeigt, wie wichtig die Bereitschaft zu schnellen Veränderungen ist. Diese Bereitschaft hatte mir geholfen, Strategien und vorgefasste Meinungen in Frage zu stellen. Auch solche, die gestern noch in Stein gemeisselt schienen.

 

Gut zwei Jahre später

Wir erleben mit COVID-19 einen einschneidenden Wandel, der (auch) mit der englischen Bezeichnung „disruptive change“ (deutsch: störende, zerstörende, destabilisierende Veränderung) bezeichnet werden kann. 2017 für meine Kunden noch proaktiv angedacht, haben wir 2020 keine grosse Wahl. Wir müssen lernen uns immer wieder neu zu erfinden, um sich auf eine sich laufend verändernde Welt einzustellen.

Waren früher Stabilität, Sicherheit, Einfachheit und Klarheit gelebte Werte, an denen sich die Gesellschaft und die Unternehmen ausgerichtet haben, stehen wir jetzt und in der Zukunft vor grossen Aufgaben. Der englische Begriff VUCA fasst die Herausforderungen zusammen, denen wir uns in einer zunehmend digitalisierten Welt stellen müssen. VUCA steht für Votality, Uncertainty, Complexity, Ambiguity (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit).

 

Der Mensch – Opfer oder Gestalter der Veränderung?

Neue Technologien werden immer schneller entwickelt. In dieser Situation ist noch völlig unklar, welche Rolle der Mensch dabei spielt – ob als Opfer oder als Gestalter dieser Veränderung. Als positiv denkende Menschen versuchen wir uns in der Rolle des Gestalters und wenden die vier Gestaltungselemente von VUCA an.

 

Doch zuerst vier Thesen

  • A) Die perfekte Organisationsform gibt es nicht: jede Organisationsform – ob Netzwerk oder Hierarchie - produziert, wenn auch in unterschiedlicher Art, Konflikte, Koordinationsaufwand, Informationsprobleme, Unklarheiten, und anderes mehr.
  • B) Netzwerke werden in Gesellschaft und Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle spielen. Der Begriff der Netzwerkorganisation wird aktuell in „utopischer“ Weise zu gut positioniert.
  • C) Hierarchie und Netzwerk werden auch in Zukunft nebeneinander existieren. Hybride Organisationsformen werden an Bedeutung gewinnen.
  • D) Echte Führung heisst: Wie managen wir optimal das Zusammenspiel von Hierarchie und Netzwerk.


Zurück zu VUCA

V = Volatilität (Volatility)
Die Natur und die Dynamik des Wandels entfalten enorme Kräfte und sind Katalysatoren für radikale Veränderungen.


U = Unsicherheit (Uncertainty)
Der Mangel an Berechenbarkeit, das Mass an unkontrollierbarer Überrumpelung und ein fehlendes Gefühl von Bewusstsein und Verständnis für Themen und Ereignisse sorgen für Unsicherheit.


C = Komplexität (Complexity)
Die Dynamik unserer Systeme, nicht nur technische, multipliziert sich, während die Vernetzung gleichzeitig für Chaos und Verwirrung sorgt. Gesellschaften, Unternehmen aber auch das individuelle Leben bieten Multioptionen und dadurch Multikomplexität.


A = Mehrdeutigkeit (Ambiguity)
Es gibt keine einfachen Ursache-Wirkungszusammenhänge mehr. Die Realität ist verwirrend, oft unverständlich und in keiner Weise mehr planbar. Missdeutungen und Fehlinter- pretationen nehmen zu, denn sehr häufig bricht die Verbindung zwischen Handeln und Wissen ab.

 

Welche Folgen hat VUCA für Menschen und Unternehmen?

Volatil bedeutet: Die Kunden von heute sind nicht mehr zwangsläufig auch die Kunden von morgen. Auch die Quellen des Wettbewerbs sind nicht mehr eindeutig zu lokalisieren. Die elementare Frage lautet: Wer sind unsere Kunden und Wettbewerber von morgen? Weil auf diese Frage schon lange keine klaren Antworten mehr erfolgen können, nimmt der Innovationsdruck in den Unternehmen rasant zu und wird auch noch weiter ansteigen. Unternehmen müssen sich möglichst schnell diversifizieren.

Unsicher bedeutet: Weil Kunden und Wettbewerber nicht mehr eindeutig lokalisierbar sind, nimmt die Ungewissheit über Marktentwicklungen zu. Das stürzt selbst umsichtige Unternehmenslenker in ein Dilemma: Sie müssen mit dem „Worst Case“ rechnen und auf den „Best Case“ hinarbeiten. Eine der Kernfragen lautet: Womit und mit wem werden Unternehmen in Zukunft noch ihr Geld verdienen können? Ein nachhaltiges und dennoch in seinen Grundstrukturen flexibles Personalmanagement wird zukunftsentscheidend.

Komplex bedeutet: Eine hoch komplexe, in sich verzahnte und dabei elementar anfällige weltweite Verflechtung von Wirtschaftskreisläufen, denen ein politisch und rechtlich verlässlicher globaler Rahmen fehlt, sorgt bei jedem einzelnen Unternehmen dafür, dass Unternehmenslenker jederzeit in mehrere Richtungen denken müssen. Mentale Agilität wird zu einer Kernkompetenz. Der Fachkräftemangel der Zukunft wird durch einen Mangel an Generalisten und Allroundern gekennzeichnet sein, die schnell aus ihrer Komfortzone kommen können, hochgradig anpassungsfähig und in der Lage sind, sich unbekannte Sachverhalte schnell zu erschliessen.

Mehrdeutig bedeutet: Fehlen Ursache-Wirkungszusammenhänge und verfehlen bisher bekannte und erfolgreiche Geschäftsmodelle plötzlich ihre Wirkung, sind Unternehmen öfter gezwungen, nach individuellen Lösungen zu suchen. Das Lernen von Best-Practice-Fällen, die Vertiefung von Know-how durch Erfahrung ist nicht mehr zwingend von Erfolg gekrönt.

Je schneller sich die Welt verändert, umso radikal endlicher wird unser Wissen beziehungsweise Erfahrungswissen. Das Optimum von gestern ist der Standard von heute. Die technische Entwicklung beschleunigt zunehmend das Ende der Massenproduktion. Branchengrenzen lösen sich auf. Der Kreislauf von VUCA beginnt erneut: Die Kunden von heute sind nicht mehr zwangsläufig auch die von morgen... .

Der Tendenz zu VUCA kann man nicht mit generellen und bisher allgemein gültigen Managementstrategien oder politischen Strategien begegnen. Lineare Lösungen, lineares Denken, lineares Management und lineare Karrieren sind in einer dynamischen, volatilen, veränderungsstarken und mehrdeutigen Welt keine Lösung, sondern eine Herausforderung.

 

Mit COVID-19 haben wir gelernt zu entschleunigen

Schon Albert Einstein sagte vor 141 Jahren: «Nichts kann existieren ohne Ordnung – Nichts kann entstehen ohne Chaos». Also müssen wir unsere Denkweise vom "entweder-oder" zu "sowohl als auch" ändern.

 

Der neue Gestaltungsrahmen heisst: "sowohl als auch"
cag sowohlalsauch

 

QUELLEN: CREAPROCESS, Auszug aus dem Weihnachtsbrief 2017 

 


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